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Bodenwerder (spe). Zum
neunten Mal hat die Solbach-Freise-Stiftung am Sonnabend im Hotel
"Goldener Anker" in Bodenwerder den Preis für Zivilcourage
vergeben. In diesem Jahr wurden mit Traute Kirsch aus Beverungen und
Susanne Kamien aus Lüchow zwei Frauen aus der Anti-Atom-Bewegung
geehrt, die beide seit 25 Jahren gegen die Gefahren der Atomenergie
mobil machen, die eine im Weserbergland, die andere im Wendland. Beide
erhielten ein Preisgeld von je 2.000 Euro.
"Demokratie wagen - Zivilcourage zeigen" ist für Anne
Solbach-Freise, Trägerin der im Jahr 2000 gegründeten
Stiftung, Leitmotiv und Auswahlkriterium. Ihre Preisträger sind
allesamt engagierte, kritische, unbequeme Geister. In diesem Jahr
wurden in feierlichem Rahmen, im Beisein voriger Preisträger,
gleich zwei Frauen ausgezeichnet. Die eine kämpfte seit 1979 gegen
das Kernkraftwerk Würgassen, die andere als langjährige
Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz
Lüchow-Dannenberg gegen Castor-Transporte und die Einlagerung von
Atommüll im Zwischenlager Gorleben. Vor einer Woche war der achte
Castor-Transport im Wendland eingetroffen.
Das Vocal-Ensemble der Musikschule
Bodenwerder eröffnete die Feierstunde mit "Good News", doch keine
gute Nachricht hatte Anne Solbach-Freise: Preisträgerin Traute
Kirsch hatte, da scher erkrankt, absagen müssen. An ihrer statt
waren Ehemann Dr. Ernst-Günter Kirsch und die beste Freundin
Monika Depeweg gekommen. Traute Kirsch ist Gründerin und
Vorsitzende der Initiativgruppe "Unser Recht auf Stillegung", kurz:
UNRAST. Sie sei von Beginn an eine "kräftige Frauenstimme" gewesen
für die Stilllegung des Kernkraftwerks Würgassen und mit dem
Ziel, mit Hilfe der menschlichen Grundrechte die Atom-Lobby zu stoppen,
"absolut konsequent und ohne Zugeständnisse, lautstark aktiv,
autoritätskritisch und selbstverantwortlich".
"Du verachtest jede Buckelei und
Machthörigkeit", so Solbach-Freise in ihrer Laudatio. "Du kannst
dich völlig unabhängig machen von Zustimmung und
Anerkennung." Nicht nur der "löchrige Mantel des AKW
Würgassen", sondern auch der "Kampf durch UNRAST gegen die
aufgescheuchte Atom-Lobby" habe 1995 zum Abbruch des Kraftwerks
geführt. Seitdem habe sie mit "unbeugsamem
Gerechtigkeitsgefühl" beim BUND gegen die Novellierung des
Atomgesetzes und bei GATS gegen den Verkauf kommunaler Pflichten
gekämpft. Jetzt leistet Traute Kirsch im "Anti-Hartz-Bündnis
Dreiländereck" Widerstand gegen Hartz IV.
Die Dankes- und.
Grußbotschaft der erkrankten Traute Kirsch verlas Monika Depeweg
aus Brakel. Kirsch zollte der Stifterin Anerkennung, mit dem Preis
Menschen im alternativen Bereich zu ehren, die "gewöhnlich sehr
viele Nackenschläge einzustecken haben". Die Auszeichnung tue ihr
gut, weil sie in der Anti-AKW-Bewegung und etwa bei der
Wasserprivatisierung eine Außenseiterposition vertrete, was viel
Mut und Kraft koste. Mit "UNRAST" habe man zum Ausdruck gebracht, "dass
die Forderung nach Stilllegung einer Atomanlage nicht mit den
individuellen technischen Problemen der Anlage begründet werden
sollte." Vielmehr sei Atomkraft grundsätzlich unbeherrschbar.
Besonders wichtig sei ihr der Bezug zu den Grundgesetzartikeln. Es sei
mit der Würde des Menschen und seinem Grundrecht auf Leben und
körperliche Unversehrtheit nicht vereinbar, atomaren Risiken
ausgeliefert zu sein.
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Sie erläuterte ihre
Grundhaltung: "Für mich ging es immer auch um den Erhalt der
Demokratie. Atomkraft bedeutet für mich den Beginn der
Zerstörung unserer demokratischen Staatsgrundlagen." Und genau
diesen Verlauf habe die Entwicklung in Deutschland genommen: Die
Politik habe der Wirtschaft Vorrang vor der Würde des Menschen
eingeräumt. Die werde - das beweise Hartz IV - mit
Füßen getreten.
Susanne Kamien aus Lüchow
erhielt den Zivilcourage-Preis für ihren Kampf gegen das mit
zwölf Quadratklometern "größte Atom-Klo der Welt". Mit
kreativem Protest widme sie sich seit 25 Jahren der
"Heimatverteidigung", führe eine "weltweit vorbildliche BI" - das
alles gegen die Atomenergienutzung, gegen eine "unvorstellbare
Subventions- und Privilegierungsmaschinerie", und eine bis heute
ungelöste Entsorgungsfrage. Mit Recht befürchte Susanne
Kamien, eine "unerschrockene, geradlinige, engagierte Kämpferin",
dass das Zwischenlager Gorleben zum Endlager werden solle. Die
Stifterin bescheinigte der Preisträgerin besonderes
organisatorisches Talent, erinnerte an die "Stinkparade" mit 650
Maschinen zwischen Daunenberg und Gorleben. Die "Bäuerliche
Notgemeinschaft", der Kamien ebenfalls federführend angehört,
stelle sich bei Castor-Transporten symbolisch quer. Susanne Kamien habe
lange als Speerspitze die gesamte Koordination
des Widerstandes inne gehabt, die "widerständlichen individuellen
Querköpfe unter einen Hut gebracht" und sei dafür
"Prügelknabe der Nation" gewesen.
Susanne Kamien war mit Marianne
Fritzen, der 80-jährigen Atom-Widerständlerin der ersten
Stunde, nach Bodenwerder gekommen, mit ihrer "Mäzenin", wie Anne
Solbach-Freise es ausdrückte. Sie sei "noch etwas angestrengt" vom
achten Castor-Transport, gestand Kamien. Wieder habe man auf der
Straße gesessen, mit Treckern demonstriert. Viele hätten
erwartet, "dass wir uns nach dem Tod von Sebastian (der in Frankreich
vom Castor-Zug überrollt wurde, d. Red.) abkehren vom Widerstand".
Diese ethische Frage habe man sich gestellt, doch im Sinne des
Getöteten schließlich entschieden, den Protest fortzusetzen.
"Er ist bewusst auf die Schienen gegangen", sagte Kamien. "Wir gehen
alle ein Risiko ein, viele riskieren sogar ihr Leben". Sie verwahrte
sich davor, den Tod des jungen Demonstranten instrumentalisiert zu
haben. Aber er habe Wut und noch mehr Kraft zum Widerstand
ausgelöst. Den Preis nehme sie stellvertretend für alle
Mitstreiter im Wendland entgegen.
Hanne Plate aus Hameln berichtete
vom Stand der Klage der Bürgerinitiative Weserbergland gegen das
gerade im Baue befindliche Zwischenlager für verbrannte
Brennstäbe ("Castoren-Scheune") in Grohnde. In der Sache hatte in
Loccum eine Anhörung stattgefunden.
(Täglicher Anzeiger Holzminden v. 15.11.2004)
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